19. Mai 2012

nachts stolpert man schnell

Dann stellst du fest, dass du alt geworden bist. Wie ein Denkmal stehst du im Scheinwerferlicht, am Sockel ein Bronzeschild: Bitte nicht berühren. Eine museale Erinnerung, die andere inspiriert und kurz innehalten lässt; Stein trotz allem, die Marmorkanten angeschlagen. Wie müde man sein kann in solchen Nächten, wie starr und unbeweglich, wie plump und verständnislos, wenn angesichts der eigenen Zeit alles lächerlich wirkt, man selbst auch ein bisschen aber schämen werden wir uns später dafür, wenn überhaupt. Kann uns mal jemand festhalten bitte und uns ernsthaft sagen, dass wir einen Augenblick Nähe wert sind, einen Moment Wärme und ein wahrhaftes Lächeln; ein Blick, ein Buch voller Fragen und der Platz für dein Denkmal ist schon planiert.

18. Mai 2012

komm, wir übertreiben ein bisschen um zu überleben

Nebeneinanderliegen und sich verstehen, sich kennen und aneinander festhalten, so lange es gut geht. So lange man hier ist und die Gedanken nicht wegdriften, bis der Moment kommt, this akward moment when you realize: da unter deinen Fingern ist die Haut glatt, da ist diese Narbe nicht, da ist etwas anders. Nicht im Bösen und auch nicht im Guten, der Rest ist Flucht vor sich selbst und wenn ich irgendwann bleiben kann, dann ist es besser geworden und gut, dann habe ich genug Schutt und Asche darübergeschaufelt, damit es in den Augenblicken der Nähe nicht wieder hochkommt.

15. Mai 2012

wir trotzkopfen uns aus der gefahrenzone

Wie man halt doch immer wieder allein zurecht kommt. Ein kleines Wunder ist das ja, ein stetiges Aufsteigen und Runterfallen, up’n'down, formelgleich; wie Menschen sich so aneinander festhalten, dass es eigentlich schon schmerzhaft sein muss. Dieses Ineinanderverkrallen und -krampfen. Wir nehmen uns vor, locker zu sein, aber die wenigsten schaffen es, stattdessen blühen uns Veilchen vom vielen Aufdieschnauzefallen. Also zwirbeln wir halbherzige Versprechen zu Stahlseilen und merken nicht, dass das Material längst müde ist und haarfeine Risse uns durchs Innerste tanzen; da hilft kein Sekundenkleber und kein Schnaps, die Risse sind da, wir füllen sie mit Hoffnung und Angst. Aber immerhin sind wir uns dessen bewusst. Darauf noch ein Pfund Sonnenschein und einen Milchkaffee, lass dich mal ein, lass dich mal drauf ein, der Milchschaum prickelt auf der Oberlippe und ja, die Zukunft macht Angst, aber die Vergangenheit lehrt uns Geduld und Mut und die Tatsache, dass ein bisschen Verwirrtheit nicht schadet.

13. Mai 2012

unter uns gesagt ist schweigen nur blendwerk

Von den Tragödien haben wir uns verabschiedet, lange schon, das schaffen wir einfach nicht mehr, die Zeit nagt an unseren Zehen. Statt uns zu fragen, was eigentlich passiert ist, fragen wir uns nur, wie man sich aus dem Weg gehen kann manchmal – erstaunlich einfach, obwohl die Stadt ein Dorf ist und wir wie Könige in ihr; bettelarm an Verständnislosigkeit zerbrochen, aber das macht nichts, nicht hier, nicht in diesen Zeiten der ständigen Suche und des ständigen Darüberhinwegsehens. Augen auf und Licht, nachts dann unterm Sternenhimmel dahintreiben und sich leise flüsternd Mut zureden bis der Tag uns wieder übermannt; hohl sind wir nicht, nur ausgehöhlt manchmal, da tönt ein Echo in unseren Köpfen und Herzen und es klingt wie ein Lied von früher, als irgendwer uns die Hand hielt, bis wir eingeschlafen waren; der Text kommt uns nicht mehr in den Sinn, aber die Melodie, die Melodie lässt uns nicht los.

8. Mai 2012

wie trägst du ein tageslichtlächeln nach anderswo

Fucking Freakheit, lässt uns an kalten Schultern weinen und in der Tiefe versenkte Momente zählen, du brauchst viele Hände dafür, deine eigenen reichen nicht, wer aber hält das schon aus. Frag nicht, nicht woher und wohin und warumüberhaupt, nicht nach morgen und erst recht nicht nach gestern, stellen wir lieber fest: das Lächeln frisst sich in dein Gehirn und bleibt dort hängen, im Krampf der Unklarheiten und Unwiederbringlichkeiten, im Neuronengeschützfeuer deiner verlorengegangenen Momente voller Gefühühühl, auf den Lippen ein Lied, das so leicht daherkommt, als hättest du den Verstand verloren. Vielleicht haben wir das längst schon: den Verstand verloren, irgendwo unterwegs, auf den Pfaden und Schnellstraßen unserer Einsamzweisamkeiten, alles nur Blechschäden, bis der wirtschaftliche Totalschaden da ist und wir verblüfft vor dem Schrotthaufen stehen, der irgendwann mal unser Herz war. Lang ist’s her. Schubidu, pfeifen wir und gehen zu Fuß weiter. Irgendwo muss doch ein Ziel sein.

6. Mai 2012

barfuß suchen wir nach dem leben

So herrlich unentspannt tröpfelt das Leben vor sich hin und wir mit ihm. Ab und an trifft uns ein Papierflieger mitten ins Gesicht, das macht nichts, jedenfalls nichts kaputt aber sonst auch nicht viel; wir sind herrlich entspannt, sagen die anderen, sagen wir uns immer wieder vorm Spiegel bis wir uns selbst glauben, ein wenig nur. Das reicht, um nicht durchzudrehen. Immerhin. Troztdem vermissen wir es, das gehalten werden, das halten dürfen, ein bisschen Wärme und all diesen romatischen Scheiß, auch ohne Kerzenflimmern und Backgroundmusik; den Wein können wir auch alleine trinken, er schmeckt, nur halb so gut aber was macht das schon, nachts kuscheln wir uns in unsere Betten und schlafen nicht, daran haben wir uns gewöhnt, das kennen wir, kein Grund zur Panik.

5. Mai 2012

go-go-gadget-o-herz

Mit diesen Schrammen in der Seele. Abstürzen, sich alle Knochen brechen; so lang das Hirn noch funktioniert, heilen wir schnell. Als wären wir aus Gummi manchmal, so dehnt sich unsere Zuneigung aus und erreicht den Horizont, angespannt und immer mit diesem Widerstand. Loslassen heißt, in die Ausgangspoition zurückzuschnellen, mit dieser vagen Erinnerung an den Zustand der Ausdehnung, eingeschrieben in die Moleküle unserer Seltsamkeit; das ist gut so, etwas bleibt, etwas bleibt immer zurück und wir halten uns daran fest. Mag sein, dass das Material schnell porös wird, davor fürchten wir uns und das Ausdehnen macht uns nervös, nur nicht zu schnell, am Ende reißt uns das Herz auf, nur nicht zu schnell, am Ende verlieren wir unsere Spannkraft, nur nicht zu schnell.

1. Mai 2012

wen retten wir, wenn die welt untergeht

Da steht nur dieses Nein, dieser Schlagbaum und ich lese das verdammte Schild immer wieder, wieder und wieder, aber die Buchstaben verändern sich nicht, es bleibt gemeißelt: Nein, du schreist es in meinem Kopf immer wieder, das stimmt so nicht, du flüsterst es, neinneinnein, ich starre die Wand an, ich starre mich an und ich versuche mich zur Resignation zu zwingen und zum Schweigen, zum Aufgeben, das wär’s jetzt, hinlegeneinschlafen und nichtdrübernachdenken. Keine Chance, eine glatte Wand aus Angst und wasweißdennichnochalles, spiegelglatter Stahl, Chirurgenstahl, steril und dieses Nein, das sich in meinen Kopf frisst und in mein Herz und meine Füße einbetoniert in Sprachlosigkeiten, wimmernd ein bisschen aber das tönende Nein überlagert es. Halt die Fresse, mein Herz, halt einfach die Klappe und reiß dich zusammen, so schlimm ist das doch nicht, alles vergeht und wird besser irgendwann, irgendwann dann später, wenn aus dem Nichtverstehen eine weitere missglückte Verhaltensweise geworden ist, irgendwann später, wenn wir dann draufschauen und sagen können: Hachguck, schaumaleineran, so war das damals, als unsere Herzen noch größer waren und unsere Angst vor der Welt noch klein.

28. April 2012

wir erklären uns und verklären die welt

Der Rest ist Schweigen. Zwischen den Menschen herrscht Uneinigkeit und dieses Verständnisproblem, you’ll never know, was denkst du über andere, was über dich selbst; wir stolpern über Mutmaßungen und anstatt nachzufragen, bleibt das Modell in unsere Köpfe gemeißelt mit hartem Stahl. Das hindert uns, das behindert uns und gehandicapped laufen wir gegen Wände, weil Vermutungen Ziegelsteine sind, aus denen Mauern gebaut werden. Angst haben wir vor Dingen, die wir so sehr in uns eingeschrieben haben, dass wir sie blind rezitieren in dunklen Nächten, kommentarlos, ohne Widerrede, mit Kies zwischen den Zähnen und toten Fliegen im Haar, mit uns unter dem Meer und dem Blick auf die vermeintliche Wahrheit; wir denken alles kaputt. Wir sind heutzutage so verbindlich unverbindlich, dass wir daran erkranken und uns wünschten, wir hätten den Mut dazu, endlich mal unverbindlich verbindlich zu sein.

26. April 2012

dann drehen wir uns im kreis und keiner lacht

Zwischen Resignation und mutentbranntem Rauschen in den Ohren, zwischen Sprechen und Schweigen und dem, was dazwischenliegt wechseln im Minutentakt die Resonanzen; das alles klingt nach Wolkenbruch und Wettertosen, windzerzaustem Weltschmerz. Ich verhärte und die Grenzen weichen auf, du entgleitest mir, irgendwohin. Mag es da wärmer sein und sonniger, wünsche ich dir und sehne dir nach, sehe dir nach und bin unfähig, mich zu bewegen, weil ich nicht weiß, was hier richtig und falsch ist, weil ich zwischen Zeilen hänge und stolpere beim Gedanken an dichmichuns und deine Hände auf meiner Haut.